Über Eingewöhnung

Der Kita-Start, die Kita-Eingewöhnung. Lange waren sie unscharf in weiter Ferne zu erahnen. Hin und wieder kreisten die Gedanken: Wie das nur gehen soll, wenn er tagsüber noch so oft gestillt wird und meist nur so wenig isst? Wie soll er nur jemals in der Kita Mittagsschlaf machen, wenn er doch immer nur beim Stillen einschläft oder zumindest nur mit Mama? Wird er dort als einziger nur 30 min Mittagsschlaf machen? Was wenn es einfach nicht funktioniert und er dort die ganze Zeit total unglücklich ist? Und natürlich die Frage der Fragen: Sind wir Rabeneltern, dass wir unser Kind schon so früh fremdbetreuen lassen? Kann oder wird ihm das schaden? Bedürfnis- und bindungsorientiert Handeln, das war unser Grundsatz seit der Geburt des Baby-Spatzen. Aber ist das mit Kita zu vereinbaren?

Zunächst ein paar Erläuterungen zu unserer Situation. Ich muss ab 19.11.2018 das letzte Tertial des Praktischen Jahrs meines Medizinstudiums absolvieren, um dann im Mai/Juni nächsten Jahres hoffentlich mit dem mündlichen Examen meine Approbation zu erlangen. Frank hatte sowieso nur zwei Monate Elternzeit, nämlich den ersten und den 14. Lebensmonat des Baby-Spatzen. Unser Sohn sollte also mit 15 Monaten täglich 7-8 h in eine Krippe gehen. Wir haben das große Glück, dass beide Großeltern ganz bei uns in der Nähe wohnen. Der Spatz hat zu beiden ein gutes Verhältnis und der Plan ist, dass er zwei bis dreimal pro Woche von einer der Omas nach dem Vesper (14:30) oder auch schon davor (14:00) abgeholt wird. Ansonsten holt Frank ihn so gegen 15:00/15:30. Ich bringe ihn früh zu 07:30 und fahre dann mit Bahn zur Uniklinik. 

Bereits gegen Ende der Schwangerschaft erstellten wir eine Liste mit Kitas, die für uns in Frage kämen. Dabei berücksichtigten wir vor allem die Anbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und die Wohnortnähe. Schließlich besichtigten wir viele der Einrichtungen (mit Baby in der Trage) und erstellten so unsere Liste mit den fünf Favoriten für das elternportal der Stadt Dresden, Natürlich haben uns manche Kitas mehr gefallen als andere,  aber in den entscheidenden Aspekten wie dem Betreuungsschlüssel folgten sie alle geradeso den gesetzlichen Vorgaben (eine vollbeschäftigte pädagogische Fachkraft für 5 Kinder). Außerdem lernt man bei diesen Besichtigungen viele Monate vor Betreuungsbeginn meist nicht genau die Erzieherinnen kennen, die dann wirklich die Eingewöhnung durchführen. Wir hatten also nicht die Option einer kleinen familiären Dorf-Kita, in der die Erzieher vorher Hausbesuche machen, wenn man sie nicht eh schon seit langem kennt. Derartiges habe ich schon recht häufig etwas neiderfüllt in ähnlichen Erfahrungsberichten gelesen. Wir konnten froh sein, wenn wir überhaupt einen Platz in einer der städtischen Kitas bekämen

Nach einigem Hin und Her, hielten wir schließlich den Bescheid über unseren Wunsch-Kitaplatz in den Händen und unterschrieben den Vertrag. Einige Monate später folgte ein Aufnahmegespräch und schließlich begann die Eingewöhnung am 16. September. 

Unsere Kita arbeitet nach dem offenen Konzept, jedoch werden die 0-2 Jährigen im geschlossenen „Nestchenbereich“ betreut. Mit zwei Jahren wechseln die Kleinen dann in die Krippenräume der 2-3 Jährigen. Der Nestchenbereich besteht aus Garderobe, einem Essensraum (das „Restaurant“), einem Spielzimmer und daran angeschlossen einem Bad und einem Schlafraum. Dazu gibt es natürlich einen Außenbereich mit Sandkasten und verschiedenen Rutschfahrzeugen und anderen kleinkindgerechten Spielsachen. Die Kita hat 16 Plätze für Kinder unter zwei Jahren und da wird es schon ganz schön voll und auch unruhig in den Räumlichkeiten, wenn alle Plätze belegt sind. Geplant ist, dass tagsüber zur Kernbetreuungszeit drei Erzieherinnen da sind, Das ist aber in den letzten Wochen aufgrund der heftigen Erkältungswelle nie gegeben gewesen.

Auf ihrem von mir hochgeschätzten Blog beschreibt Danielle Kriterien für eine qualitativ hochwertige Fremdbetreuung nach dem derzeitigen Stand der Forschung. Diese erfüllt unsere Kita leider nicht alle. Der Betreuungsschlüssel liegt mit 5-5,5 Kinder pro Erzieherin deutlich über den empfohlenen 1:3, welcher die Kinder vor Stress und Über- bzw. Unterstimulation schützen soll und als entwicklungsfördernd gilt. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die Erzieherinnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten bei so vielen Kindern bedürfnisorientiert auf die Kinder eingehen und versuchen ihnen als vertrauensvolle Bindungspersonen Nähe und Geborgenheit zu bieten.

Die Eingewöhnung in unserer Kita verläuft nach dem Berliner Modell, welches auf ein bindungsorientiertes Vorgehen wert legt. Außerdem werden individuelle Faktoren der Kinder berücksichtigt und die Eingewöhnung dementsprechend langsamer und über einen längeren Zeitraum durchgeführt. 
Wie bereits weiter oben beschrieben, findet in unserer Kita ein konzeptuell vorgegebener Gruppen- und Bezugspersonenwechsel mit 2 Jahren statt. Auch das gilt wohl als eher ungünstig.

Auf alle Fälle sind die räumlichen Verhältnisse überschaubar und es gibt geregelte zeitliche Abläufe. Schade finde ich jedoch, dass es nur einen großen Raum zum Spielen gibt, wodurch es mit so vielen Kindern dort meist sehr unruhig ist. Das ist gerade für die jüngeren und neuen Kinder sicher stressig und es fehlt die Möglichkeit sich zu ruhigeren Tätigkeiten in einen anderen Raum zurückzuziehen.

Die Erzieherinnen unserer Kita loben häufig im Alltag. Seit wir „Liebe und Eigenständigkeit“ von Alfie Kohn gelesen haben, versuchen wir das zu vermeiden. Offenbar ist das aber kein Konzept, das es bisher in die pädagogische Ausbildung von ErzieherInnen geschafft hat.

Die drei Haupterzieherinnen des Nestchenbereiches haben wir als überwiegend sympathisch und herzlich kennengelernt. Von menschlicher Seite habe ich daher das Gefühl mein Kind in gute Hände zu geben. Die Eingewöhnung wurde mit einer der drei Erzieherinnen durchgeführt und man merkt deutlich, dass der Baby-Spatz zu ihr die engste Beziehung hat. 

Am allerersten Tag in der Kita, betrat ich mit dem Baby-Spatzen den Gruppenraum, setzte ihn auf den Boden und mich auf einen Sessel. Die nächste Stunde verbrachte er damit begeistert und neugierieg den gesamten Raum zu erkunden. Er interessierte sich kaum für mich und ging sofort auf die Spielangebote seiner Bezugserzieherin ein. Er lachte viel und schien das alles ganz schön spannend zu finden. Mir fiel auf, dass einige der Kinder schon häufig weinen und dass es ganz schön laut ist im Gruppenraum. Nach einer knappen Stunde traten wir dem Heimweg an.

Am nächsten Tag war die Gruppe deutlich kleiner, ein Teil der Kinder war draußen und so hatte der Spatz die Möglichkeit die Erzieherin und die Räumlichkeiten in einem etwas ruhigeren Rahmen weiter kennenzulernen. 

Am dritten Tag stand bereits ein erster Trennungsversuch von 10 min an. Ich fand es sehr früh, stimmte aber zu und es klappte recht gut. Ich war zunächst 40 min mit im Raum und verabschiedete mich anschließend. Als ich wieder in den Raum kam war Theo zwar auf dem Arm, aber bis dahin hätte er wohl zufrieden gespielt. Am nächsten Tag steigerten wir die Trennungszeit auf 30 min. Als ich ihn abholte, weinte er auf dem Arm der Erzieherin und ich fühlte mich ganz schön elend. Trotzdem sollte am nächsten Tag die Zeit weiter gesteigert werden. Ich saß die ganze Zeit im Kita-Vorraum und versuchte mich mit Lesen abzulenken, aber eigentlich lauschte ich nur, ob ich ihn womöglich weinen hörte. Endlich konnte ich ihn abholen und es hieß, es sei schon ok gewesen, aber er sei viel auf dem Arm gewesen und würde sofort weinen, sobald sie sich ein wenig von ihm entferne.

Ab Montag fand die morgendliche Verabschiedung bereits an der Tür zum Gruppenraum statt. Dabei brach der Spatz jedesmal in Geschrei aus und klammerte sich an mich. Ich fühlte mich furchtbar. Die nächsten Tage holte ich ihn immer nach einer Stunde ab. Jedesmal hieß es, er wäre immer noch sehr weinerlich und die meiste Zeit auf dem Arm. Seine Bezugserzieherin nahm ihn ins Tragetuch und machte einen Spaziergang mit ihm übers Gelände, was ihm wohl recht gut gefiel. Ich schätzte dieses Engagement, wünschte mir aber trotzdem sehr, dass der Spatz langsam besser mit der neuen Situation klarkommen würde.

Am Donnerstag gab es einen ersten Lichtblick: Sie waren draußen und im Sandkasten schien es ihm gut zu gefallen. Er aß sogar zum ersten Mal zum Mittag. Ich war sehr froh, dass ich regelmäßig Zwischenmeldung bekam, während ich im Kita-Vorraum wartete. Ich machte mir wieder Hoffnung, dass es jetzt aufwärts gänge. Am nächsten Tag war seine Bezugserzieherin dann leider krank und er erbrach sich aus unbekannten Gründen nach einer Dreiviertelstunde. In der nächsten Woche war der Baby-Spatz dann weinerlich wie zuvor, es war keine Verbesserung zu erkennen, Ich war inzwischen wirklich frustriert, dass in der dritten Woche der Eingewöhnung noch nicht einmal eine Stunde gut funktionierte.

Wir fassten den Entschluss, dass wir etwas ändern müssten und beschlossen, dass Frank die Eingewöhnung weiterführen würde. Vielleicht lag es daran, dass Frank ihn selbstverständlicher abgab, vielleicht war es aber auch Zufall und der Baby-Spatz hatte einen Schalter umgelegt: Es ging plötzlich stetig aufwärts. Theo spielte draußen und auch im Gruppenraum aktiv mit. Das Mittagessen klappte gut und vier Tage später sollte er bereits das erste Mal mit schlafen. 

Um das Thema Schlaf in der Kita hatte ich mir besonders viele Sorgen gemacht. Der Baby-Spatz schlief bisher nur beim Stillen ein oder in Kinderwagen oder Trage. Außerdem schlief er meist nur 30 – 40 min, manchmal konnte ich ihn durch erneutes Stillen, Schnuller oder intensives Kuscheln zum Weiterschlafen für weitere 30 – 40 min überzeugen.

Beim ersten Versuch schien kein Weg zu seinem Schlaf zu führen. Schließlich legten sie ihn in den Kinderwagen und er schlief fast sofort ein, natürlich seine übliche halbe Stunde. Am nächsten Tag schlief er tatsächlich in seinem Bettchen ein. Offenbar kann man die ein wenig rütteln. Inzwischen wurde uns zurückgemeldet, dass er jetzt meist problemlos einschläft, wenn sie ihn mit Schnuller ins Bett legen. Bei uns zu Hause ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Allerdings schläft er auch in der Kita meist nur zwischen 30 und 60 min. Aber das ist kein so großes Problem wie vorher angenommen. Sie bemühen sich sehr mehr über sein Schlafverhalten und seine diesbezüglichen Bedürfnissen herauszufinden. Neulich haben sie probiert ihn eher hinzulegen zum Schlafen oder auch am frühen Vormittag und am Mittag und geschaut wie sich das auf seine Stimmungen und sein Spielverhalten auswirkt. Derzeit macht er einfach zwei kürzere Schläfchen über den Tag verteilt und das ist kein Problem.

Nachdem der Baby-Spatz zum ersten Mal bis nach dem Vesper in der Kita war, galt unsere Eingewöhnung als abgeschlossen – letztendlich nach doch nur vier Wochen. Leider ereilten uns nun, bedingt durch die Kombination Kita-Start und Winter-Halbjahr, die zu erwartenden langwierigen Erkältungskrankheiten. Jetzt standen wir ständig vor der Entscheidung ihn lieber einige Tage zu Hause zu lassen oder doch lieber in die Kita zu schicken, damit die Eingewöhnung nicht hinfällig wird. Zum Glück stellten wir fest, dass es für ihn kaum einen Unterschied machte wenn er einige Tage nicht gehen konnte und wir keinesfalls danach die Eingewöhnung quasi von vorn beginnen mussten wie befürchtet. Das Abgeben am Morgen läuft dennoch selten ohne ein paar Tränen ab. Wir versuchen die ganze Situation sehr kurz zu halten. Also rein in die Kita, im KiWa-Abstellraum bereits Jacke ausziehen, in der Garderobe Hausschuh anziehen. Kurz Tschüss sagen, Gruppenraumtür auf, Baby-Spatzen in den Arm einer Erzieherin geben und sein Blickfeld verlasen. Auf Nachfrage wird uns regelmäßig versichert, dass er sich schnell beruhigt. Manchmal warten wir noch kurz neben der Tür um uns zu versichern dass das auch stimmt. Ich hoffe dennoch, dass sich das irgendwann nochmal verbessert.

Ein weiterer für mich schwieriger Aspekt in unserer Kita ist der Frühdienst und das Frühstück. Wenn wir den Spatzen zu 07:30 in die Kita bringen, beginnt Letzteres dort gerade. Jedoch haben nicht nur die drei Erzieherinnen aus dem Nestchenbereich Frühstücksdienst bei den ganz Kleinen, sondern auch eine Reihe anderer ErzierherInnen aus dem Haus. Dadurch kam es gerade jetzt am Anfang vor, dass wir den Spatzen früh bei jemand abgegeben haben, den er noch gar nichts kannte. Das empfinde ich ihm gegenüber rücksichtslos und unfair von mir, dennoch können wir nicht einfach wieder gehen in diesen Momenten. Meist scheint ihm zum Glück das Frühstück schnell abzulenken und kurze Zeit später treffen dann auch seine bekannten Erzieherinnen ein. Dennoch habe ich kein gutes Gefühl mein Kind an jemanden zu übergeben, den weder ich noch er kennen und zu dem er also noch keinerlei Chance hatte irgendeine Bindung aufzubauen.

Inzwischen ist meine erste PJ-Woche bereits geschafft. Einige Male wurde er von seinen Omas abgeholt und die anderen Tage von Frank. Auch wenn er an einem Nachmittag beim Papa ziemlich weinerlich war und ihm deutlich gezeigt, dass er eigentlich Milch und Mama möchte, hat es doch im Großen und Ganzen recht gut geklappt. Für mich ist es eine sehr große Umstellung den Spatzen so viele Stunden am Tag nicht zu sehen und für ihn ist es ganz sicher auch nicht leicht. Wir werden sicher noch einige Wochen brauchen, um uns an die neue Situation zu gewöhnen.

Ich hoffe, dass dieser sehr ehrliche Artikel ein bisschen Mut machen kann, wenn ihr auch die Eingewöhnung noch vor euch habt oder schon mittendrin steckt, Denn manchmal ist alles schwieriger als gedacht. Nicht alle Kinder gehören zur Sorte unkompliziert und pflegeleicht und nicht alle haben die perfekte Kita ganz in ihrer Nähe. Ich würde mich freuen wenn ihr eure Erfahrungen mit uns teilt! Wie lief bei euch die Eingewöhnung und wie sind bei euch in der Kita unsere verschiedenen Kritikpunkte umgesetzt?

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